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Besseggen-Grat

Start: Memurubu | Ziel: Gjendesheim
Länge: 14 km | HM: 1070 m | Gehzeit: 5,5 Std. | Gesamtzeit: 7 Std.
Bewertung: ★★★★★

Eisig kalt bläst uns der Wind ins Gesicht, nachdem wir den Besseggen-Grat überschritten und den Veslfjellet erklommen haben. Brrrr! Unser Sohn bekommt Papas Daunenjacke angezogen und auch ich ziehe mir die Kapuze tief ins Gesicht.

Eine der beliebtesten Wanderungen Norwegens liegt im Jotunheimen Nationalpark. Organisatorisch ist diese Streckenwanderung leicht zu bewerkstelligen, unterschätzen solltet ihr sie jedoch auf keinen Fall!

In Reinsvangen kurz vor Gjendesheim liegt ein offizieller Parkplatz. Die Größe der geschotterten Parkfläche lässt erahnen, wie viel hier in der Hauptsaison los sein muss. Ein Shuttle-Bus verkehrt halbstündlich und bringt die Wanderer die zwei km lange Strecke zum Fähranleger in Gjendesheim. Der Shuttle ist bei Kauf eines Parktickets inklusive. Natürlich könnte man anstelle des Shuttles auch laufen oder Radfahren. Wir entscheiden uns gegen den kostenpflichtigen Parkplatz (275 NOK je PKW und vier Personen) und stellen unser Wohnmobil rund einen Kilometer vor Reinsvangen auf einem Rastplatz ab. Der Shuttle-Bus kann für 80 NOK/Person auch einzeln am Parkscheinautomaten erworben werden.

Schiff von Gjendesheim nach Memurubu
Schiff von Gjendesheim nach Memurubu

Nun fahrt ihr mit einem kleinen Schiff von Gjendesheim nach Memurubu. Im September legt das Boot unter der Woche um 9:30 Uhr ab, am Wochenende gibt es auch eine Abfahrt um 8:30 Uhr. Am Fähranleger könnt ihr euch in einem Kiosk Snacks, Getränke oder auch (sicher völlig überteuertes) Wanderequipment kaufen sowie die Toilette benutzen. Die Überfahrt über den See Gjende dauert keine halbe Stunde, schon kann die Wanderung beginnen.

Aufstieg von Memurubu hin zum Besseggen-Grat
Aufstieg von Memurubu

In Memurubu verlassen wir und unsere Mitreisenden das Schiff. Nach dem Passieren der Turisthytte beginnt der Anstieg. Wir befinden uns bereits auf 1000 Meter Höhe. Anfangs noch buschiges Gelände wird bald kahl. Stetig, aber von Steigung und Wegbeschaffenheit her gut zu gehen, steigen wir bei schönstem Sonnenschein auf. Oder ist es nur unsere gute Laune, die dazu führt, dass sich gerade alles leicht anfühlt? Wir sind auf jeden Fall voller Vorfreude auf den berühmten Grat!

Unser Sohn ist heute nicht das einzige Kleinkind, das den Berg hinauf getragen wird. Ein niederländisches Mädchen von rund zwei Jahren sitzt ebenfalls in der Kraxe. Dick eingepackt schaut sie neugierig aus ihrer Fellkapuze heraus und erzählt fleißig. 500 Höhenmeter und eineinhalb Stunden später sind wir fürs Erste oben angelangt. Nun folgen wir dem kargen Bergrücken wellig auf- und abwärts. Hier oben wachsen nur Moose und Flechten auf den Felsen und wenige niedrige Gräser dazwischen.

Steinmännchen und das bekannte rote „T“ weisen uns den Weg. Zu unserer Linken lassen wir den dunkelblauen See Bjonboltjonne liegen und steigen bald in eine Senke an das Ufer des Bessvatnet ab. Über kleine Felsbrocken direkt am Wasser, in dessen Oberfläche sich die Gebirgswelt spiegelt, gehen wir die letzten Meter bevor wir auf den Besseggen-Grat steigen. Zuvor nutzen wir den willkommenen Windschutz der grauen Felsen und legen eine Mittagspause zum Spielen und Essen ein.

Wir erreichen den berühmten Besseggen-Grat, der auch als Sensengrat bezeichnet wird. Hier sei der Held Peer Gynt aus dem norwegischen Drama von Henrik Ibsen auf einem Geißbock entlang geritten – oder auch nicht, denn er soll gelogen haben. Weshalb dieser eindrucksvolle Ort Platz in einem Roman gefunden hat, ist jedoch sofort ersichtlich: Es ist einfach traumhaft schön hier oben!

Blick auf den Besseggen-Grat, beide Seen und die Kletterstelle hinauf zum Veslfjellet
Blick auf den Besseggen-Grat, beide Seen und die Kletterstelle hinauf zum Veslfjellet

Der weltbekannte Grat liegt zwischen den Seen Gjende und Bessvatnet, die unterschiedlicher nicht erscheinen könnten. Zum milchig-blauen Gjende fällt die Felswand beinahe senkrecht 600 Meter tief ab. Der Bessvatn auf unser Linken liegt deutlich höher und zeigt sich in einem dunklen Blau. Woran liegt dieser Farbunterschied? Der Gjende wird im Gegensatz zum Bessvatnet von Gletscherbächen gespeist, die Gesteinspartikel und Schwebstoffe einbringen, welche das einfallende Licht brechen. Durch diese Lichtbrechung erscheint das Wasser in helleren blau-türkisen Tönen.

Blick auf den Besseggen-Grat
Blick auf den Besseggen-Grat

Die Sicht auf diese beiden Seen ist jedoch nicht vom Grat aus, sondern erst etwas später so richtig perfekt. Eine ordentliche Kraxelpartie ist nun von Nöten. Nach ziemlich genau der Hälfte der Gesamtstrecke kommt ihr ohne den Einsatz eurer Hände nicht mehr weiter. Wer nicht schwindelfrei ist oder unter Höhenangst leidet, wird hier vermutlich nicht weiterkommen. Selbst wir, die Kletterstellen dieser Art lieben, sind froh, dass es heute trocken und sonnig ist. Rund eine halbe Stunde suchen wir mit den Händen Haltepunkte, sichere Fußtritte und ziehen uns an den griffigen Felsen hoch.

Immer wieder gibt es die Möglichkeit in luftiger Höhe sicher zu stehen und einen Blick zurück auf die beiden Seen mit dem phänomenalen Farbkontrast und dem schmalen Felsgrat dazwischen zu werfen. Diese Aussichten sind absolut spektakulär und viele Tausend Wanderer nehmen daher jedes Jahr den Weg hierher auf sich.

Am Ende der Kraxeleinheit ist der höchste Punkt, der Gipfel des Veslfjellet (1.743 m) noch nicht ganz erreicht. Wir wandern durch eine felsige Steinwüste. Der Pfad zeichnet sich gut erkennbar als etwas helleres Band auf dem Felsrücken ab. Immer wieder denkt man „Dort ist der Gipfel“ um dann festzustellen, dass der nächst höhere Punkt bloß noch verdeckt gewesen ist. Schließlich markiert das größte Steinmännchen, das ich je gesehen habe, das Erreichen des Veslefjellet.

Steinmännchen auf Gipfel des Veslfjellet (1.743 m) am Besseggen-Grat
Steinmännchen auf Gipfel des Veslfjellet (1.743 m)

Hier weht ein eiskalter Wind. Es ist bitterkalt und auf dem weitläufigen Hochplateau ist kein Schutz in Sicht. Unser Sohn packen wir in die Daunenjacke vom Papa ein. Meine ziehe ich mir selber über und schließe die Kapuze so weit wie möglich. Die mitgebrachten Handschuhe möchte ich nicht missen. Ein Kiesweg leitet uns lange sanft auf der Hochebene abwärts. Die Fernblicke sind toll, doch wir beeilen uns um wieder in wärmere Regionen zu gelangen.

auf der Hochebene führt ein Kiesweg sanft nach dem Besseggen-Grat abwärts Richtung Gjendesheim
auf der Hochebene führt ein Kiesweg sanft abwärts

Unser Ziel, Gjendesheim, rückt ins Blickfeld. Der letzte Teil des Abstiegs wird steiniger. Serpentinen winden sich abwärts. Es sind noch einige Höhenmeter, die wir verlieren müssen um das Ufer des Gjende zu erreichen. Eine Stelle ist mit Ketten gesichert, um den Abstieg am feuchten Fels sicher zu meistern. Bald liegt das Hochgebirge hinter uns und der Bewuchs mit Sträuchern nimmt zu.

mit Ketten gesicherte Passage im Abstieg nach Gjendesheim
mit Ketten gesicherte Passage im Abstieg

In Gjendesheim verpassen wir gerade ein Shuttle. So setzten wir uns in den Kiosk, trinken etwas und fahren eine halbe Stunde später zurück. Ein anstrengender Tag von fast neun Stunden (inkl An- und Abfahrt sowie Pausen) liegt hinter uns. Glücklich und zufrieden lassen wir den tollen Tag bei einem leckeren Abendessen Revue passieren.

Der Besseggengrat ist nicht von ungefähr eine der beliebtesten Wanderungen Norwegens. Die spektakuläre Tour ist zwar lang und anstrengend, aber absolut lohnenswert. Die kontrastreichen Seen Gjende und Bessvatnet schillern wie auf all den Fotos, die vermutlich jeder schon gesehen hat, in verschiedenen Farben. Die Kletterpartie hoch zum Veslefjellet macht Spaß und ist das i-Tüpfelchen der Tour, aber der anschließende Rückweg zieht sich und ist nicht zu unterschätzen.

Gesamtstrecke: 14472 m
Gesamtanstieg: 1312 m
Gesamtabstieg: -1313 m
Download file: Besseggen_Grat.gpx

Info: Die Angaben der Höhenmeter werden leider nicht richtig angezeigt. Die Angabe unter dem Titel ist korrekt.

Diese Tour ist Teil eines Roadtrips durch Norwegen. Hier findest du die übrigen Wanderberichte aus Norwegen.

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